Friday, January 13, 2006

Boas und Nachfolger

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInne dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

Essay Boas und NachfolgerInnen

Um auf die gestellten Fragen genauer einzugehen ist es mir vorab wichtig kurz auf Boas’ Leben und Schaffen einzugehen. Das heißt auch seine Theorienbildung und anthropologischen Neuerungen im Kontext mit seinen NachfolgerInnen zu betrachten.

Boas wurde 1858 in Westfahlen geboren und entstammt einer jüdisch-deutschen Familie. Schon früh begann er sich für andere Völker und Sitten zu interessieren. Er war einer der Gründerväter der amerikanischen Anthropologie. Wie auch andere Anthropologen so machte auch er seinen Doktor in diversen anderen Studienrichtungen. So studierte er neben Geographie auch Mathematik und Physik in Heidelberg, Kiel und Bonn.

Seine wichtigsten Werke sind:

­ “The Central Eskimo“ (1888)

­ “The social Organisation and the secret Societies of the Kwakiutl Indians“ (1895)

­ “Primitive Art“ (1927, Oslo)

­ “Anthropology and Modern Life“ (1928, New York)

­ “General Anthropology“ (1938)

­ “Race, Language and Culture“ (1940)

Kontemporär zum durkheimschen Strukturalismus in Europa war Franz Boas der Begründer eines starken Kulturrelativismus in Nordamerika, der sich dadurch auszeichnet, dass eine Kultur relativ ist und nur aus sich selbst heraus verstanden werden soll/kann und, dass das Besondere einer Kultur im Vordergrund steht und nicht das vergleichende Element des Strukturalismus europäischer Tradition. Dieser Kulturrelativismus steht hier dem Universalismus, der annimmt, dass es in allen Kulturen ein universelles allgemeingültiges Ethikkonzept gibt und dem Ethnozentrismus, der die eigene Kultur als Maßstab heran nimmt um zu vergleichen, gegenüber. Franz Boas entwickelte außerdem einen historischen Partikularismus der für die Eigenständigkeit jeder Kultur in Bezug auf Geschichte und Entwicklung steht. Aus diesem Grund ist kein Vergleich zweier Gesellschaften möglich. Diese Auffassung steht dem Evolutionismus von Lewis Henry Morgan gegenüber.

„He (Boas) objected to evolutionism, mainly on the grounds that the task of anthropologists should be to gain first-hand experience in other cultures and not to speculate about their past.“(1)

Boas argumentiert weiter, dass die “weiße Rasse” geistig und intellektuell nicht höher steht sondern einfach nur mehr begünstigt gegenüber anderen „Rassen“ ist.(2) Außerdem war er der Meinung, wenn man Kultur auf eine Stufe stellt, man keine Augen für ihre Eigenheiten hat. Es war für ihn auch sehr wichtig, die Kultur als Ganzes zu betrachten, was ein holistisches Vorgehen widerspiegelt, in dem z.B. Entwicklungshilfe als Eingriff verpönt ist.

Erste Feldforschung bei den Inuit auf Baffin Island (1883-84)

Im Jahre 1883 unternahm Franz Boas seine erste Feldarbeit bei den Inuit auf Baffin Island. Sein Ziel war es die (physische) Umwelt mit dem zu vergleichen was die Bewohner daraus ziehen. Das heißt, inwiefern Umwelt auf Wissen, Kultur und Aktivitäten einer Gesellschaft einwirkt. Dabei kommt Boas zu der Erkenntnis, dass die Aktivitäten der Inuit mehr sind als ein Produkt der Umwelt und ihrer Einflüsse. Er übte sich bei den Inuit in der teilnehmenden Beobachtung, in dem er auch bei Jagdausflügen teilnahm, was wiederum ein Wissen über deren Sprache und zwischenmenschliche Etikette voraussetzte. Er interviewte verschiedene Informanten und wohnte auch Abenden bei, wo Volksmärchen erzählt wurden. Ihm war durchaus bewusst, dass viele Kulturen bald verschwinden werden, weswegen er dazu drängte, dass man so viele Aufzeichnungen wie möglich über sie zusammentragen und sammeln solle damit ein Teil dieses ungeheuren Wissens fortbestehen kann. Im Laufe dieser Forschung hat er sich, wie schon eingehend erklärt, vom Umweltdeterminismus verabschiedet, was wiederum bedeutet, dass Kultur wichtiger ist als Umwelt.

Boas’ Forschung an der Nordwestküste Nordamerikas

Nach der Forschung auf Baffin Island lag sein nächstes Augenmerk im Bereich der pazifischen Nordwestküste Nordamerikas, die er auf insgesamt 12 Forschungsreisen von Oregon bis hinauf nach Alaska erkundete. Dabei hatte er zwei Ziele:

­ Boas wollte die Kultur als solches präsentieren wie sie von den „Indianern“ selbst verstanden wird. Er wollte die Kultur, wie es eben der Kulturrelativismus vorgab, aus sich selbst verstehen.

­ Und er wollte die Variationen und Unterschiede in den Sprachen, der Bräuche und den physischen Charakteristika erforschen.

Anfangs war er damit beschäftigt für ein berliner Museum Artefakte über die Stämme der Nordwestküstenindianer zu sammeln und zu katalogisieren. Auf Grund zunehmender Faszination an den USA und seiner politischen Unzufriedenheit, die einher ging mit dem sich zu verstärkenden Antisemitismus in Deutschland, emigrierte er in die vereinigten Staaten. Dort angelangt fing er sich insbesondere mit dem Volk der Kwakiutl zu beschäftigen. Beim Auswerten sprachlicher, kultureller und physischer Unterschiede entdeckte er bei letzteren eine Überschneidung mit Sprachgruppen. Weiters kam er zur Erkenntnis, dass kulturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede hervorgebracht werden unabhängig von der linguistischen und biologischen Verwandtschaft. Boas fasste die verschiedenen Charakteristika dann aber auf Grund ihrer generellen Ähnlichkeit zum Kulturareal der “Pacific Northwest Coast“ zusammen. Diese Charakteristika gewähren aber auch einen Einblick in die Geschichte des kulturellen Austausches und der gegenseitigen „Durchdringung“.

Die Untersuchung bei den Kwakiutl stellte auch den morganschen und taylorschen Evolutionismus ganz klar auf den Kopf. Die Kwakiutl waren sesshafte Sammler und Jäger und hatten einen hohen Lebensstandard mit hoch entwickeltem Kunsthandwerk. Ebenso war die Gesellschaft von starken Hierarchien beziehungsweise von einem Kastenwesen geprägt und es wurden sogar Sklaven gehalten. Auch die Erforschung des Potlatsch, ein Geschenkeritual bei dem Prestige angehäuft und das Ansehen gesteigert wurde, war wegweisend für weitere Anthropologen wie etwa Levi-Strauss und Marcel Mauss, die in ihren Werken auch dieses Phänomen aufgegriffen haben.

Boas als Theoretiker

Wie schon oben angedeutet haben laut Boas „Rasse“ (die physischen Merkmale eines Menschen), Sprache und Kultur nichts miteinander zu tun sondern sollen jeweils einzeln studiert werden. Boas ist Begründer des “Four Field Approach“, eine Annäherung an kultur- und sozialanthropologische Themen aus vier verschiedenen Richtungen, die auch heute noch in Nordamerika Gang und Gebe ist und nebenbei bemerkt auch mir sehr sympathisch ist. Die vier Eckpfeiler bilden die physische Anthropologie (biologische Annäherung), die Archäologie, die Sozial- und Kulturanthropologie wie wir sie verstehen und die Linguistik.

Linguistik war für Boas eine sehr wichtige Form der Annäherung an eine Kultur, denn auch Sprache war für Boas wie Kultur nur aus sich selbst heraus verständlich. Um eine Sprache verstehen zu können muss man sie beherrschen. Sie stellt einen unmittelbaren Zugang zur Kultur und deren Verständnis her.

“It (Boas paradigm) emphasized language, both in its insistance upon working with texts in native languages and in its view that language was an entry into mental states of natives.“(3)

Wenn auch Boas’ kulturrelativistische Perspektive oft zu sehr an die Sprache gekoppelt war so ist die Auseinandersetzung mit ihr auch heute noch ein wichtiger nicht wegzudenkender Teil einer Feldforschung.

Franz Boas beeinflusste auch das anthropologische Denken mit der Zuteilung von Kulturen zu bestimmten Kulturarealen.

„Im Gegensatz zu evolutionistischen Ansätzen und weltumspannenden Verbreitungsstudien, wie sie zu seiner Zeit Mode waren, lenkte er die Aufmerksamkeit auf die spezifischen historischen und kulturellen Gegebenheiten einer Region (Kulturareale). Er betonte die Vielfalt von lokalen Historien und kulturellen Gefügen und forderte eine detaillierte ethnographische und historische Untersuchung einzelner Regionen. Solche Studien können dann auch die Basis für größere vergleichende Analysen darstellen“(8)

Boas selbst listete sieben Areale für Nordamerika auf. Sein Schüler Melville Herskovits tat das selbige mit Afrika. Trotzdem diese Einteilungen als zu generalisierend kritisiert wurden und werden so sind sie auch heute noch in Anwendung. Dies ist paradox, da Boas Generalisierungen strickt vermieden hat und selbst über gut erforschte Gebiete nur Vermutungen anstellte, da er der Meinung war, dass man keine allgemeingültigen Aussagen tätigen kann.

Nachfolger und deren weitere Theorienbildungen

Wie schon eingehend erklärt wirkten Boas’ Ideen und Konzepte weit über dessen Leben hinaus. So waren klarerweise auch seine SchülerInnen von ihm beeinflusst. Während sich die 1.Generation seiner SchülerInnen wie Kroeber, Sapir und Lowie eher mit tribalen Studien beschäftigten so ist die 2. Generation für ihre Erforschung von Kultur- und Persönlichkeitsbildern bekannt. Die wichtigsten Vertreterinnen der zweiten Generation waren Margret Mead und Ruth Benedict. Letztere hat auch Nationalcharakterstudien wie „Chrysanthemes and the Sword“ im Auftrag der us-amerikanischen Regierung durchgeführt.

In Boas’ Denken kann man zwei verschiedene Herangehensweisen an kultur- und sozialanthropologischen Themen erkennen die von seinen StudentInnen in unterschiedlichster Art und Weise aufgenommen und weiter entwickelt wurden:

“the historical, which was concerned especially with traceable processes that could account for the distribution of culture traits; and the psychological, which included both mentalist interests in what makes individual minds different in different cultures and integrationist concerns with how traits fit together”(4)

Die 1.Generation, darunter Lowie, Leslie Spier, Herkovits, Wissler und Speck, die vor dem I Weltkrieg von Boas unterrichtet wurde, legte ihre Akzente und Schwerpunkte in der ersten Herangehensweise. Jedoch unterschieden sich die SchülerInnen untereinander recht stark und gingen auch nicht konform mit dem was Boas unter Kulturgeschichte verstand und wie sie studiert werden sollte. Die 2. Generation, die von Boas nach dem I Weltkrieg ausgebildet wurde übernahm letzteren Weg und „suchte nach Grundlagen für eine gleichzeitige kulturelle Integration und einer individuellen Kulturanpassung.“(5)

Die wichtigsten Nachfolger

Kroebers Hauptinteressen lagen im inneren Zusammenhalt von kulturellen Mustern und der kulturellen Kreativität. Er begann die kulturellen Charakteristika in ihren Besonderheiten zu studieren und suchte nach dessen Organisationsmustern. Dabei verwendete er eine Methode die er “conceptual integration“ nennt.(6) In gewisser Weise war er mehr „boasian“ als Boas selbst und zwar in der Weise, dass seine Erklärungen nur aus innerkulturellen Prozessen bestanden und er externe Faktoren ausgeschlossen hat.

Sapir lehnte die „technisch-ethnologische“ Idee vieler „Boasians“ ab und begründete die Theorie über Kultur als spirituelles Eigentum einer Gesellschaft oder Gruppe. Er sah kulturelle Integration verbunden mit dem Bilden von Werten. Außerdem wandte er verschiedene Methoden an um nordamerikanische indigene Sprachen zu studieren. Basierend auf dessen Ergebnisse betonte er die genetische Verwandtschaft von Sprachen über den Diffusionismus. Sapir beeinflusste auch die 2. Generation mit ihren VertreterInnen wie zum Beispiel Benedict und Mead. Sapir ist auch bekannt für seine Zusammenarbeit mit Benjamin Whorf und der daraus entstandenen Sapir-Whorf-Hypothese.

“Their idea was that the semantic structures of different languages (especially their grammars) are fundamentally incommensurable and that they shape the way language speakers perceive and classify the experienced world.”(7)

Benedicts Hauptinteresse lag in der Erforschung der Beziehung zwischen Individuum und der Gesellschaft. Im Gegensatz zu Sapir, der das Individuum betonte, legte sie ihr Hauptaugenmerk auf Kultur. Sie erforschte Kulturmuster mit ihren Normen und Werten und schrieb darüber das Buch “Patterns of Culture“. In diesem Buch beschäftigt sie sich auch damit, wie Kultur individuelles Handeln beeinflusst. Kulturbildung ist für Benedict die Summe aus einer selbstgetroffenen Auswahl und verschiedenen Integrationen. Somit ist Kultur auch immer einem Kulturwandel unterlegen. Sie entwickelte auch das Gestalt-Konzept, in dem eine Kultur einer Anhäufung von Wesensmerkmalen entspricht und dementsprechende Charakteristika aufweist.(9) Diese Erkenntnisse stammten aber nicht von ihren Feldforschungen, da sie kaum eigene betrieben hat, stattdessen nahm sie Material von anderen. Ihr wird auch vorgeworfen zu stereotypisieren. Sie übertreibt und lässt Sachen aus, mit dem Ziel ihre Thesen zu stützen.

Mead arbeitete zum Teil in direktem Auftrag von Boas, der durch ihre Forschung und auch durch Forschungen anderer SchlüerInnen seine Thesen bestätigt haben wollte. Mead beschäftigte sich mit Kultur und deren Einfluss auf Ausprägungen von sozialen Rollen, insbesondere jener von "Weiblichkeit" und "Männlichkeit". Sie prägt den Kulturdeterminismus und interessierte sich für den Prozess von Veränderungen und Bedingungen eines Wandels, was sie unter anderem auch in Samoa erforschte. Gemeinsam mit Ruth Benedict wandte sie früh anthropologische und ethnologische Methoden zur Erforschung moderner Kulturen an. (10) Auch wenn Meads Arbeiten als ethnographisch zu oberflächlich kritisiert wurden, so zeigt sie doch den geschickten Umgang mit Materialien von nicht-westlichen Gesellschaften um Fragen über Genderbeziehungen, Sozialisation und Politik in der westlichen Welt aufzuwerfen.(13)

Boas hatte und hat einen großen Einfluss auf die amerikanische Anthropologie. Er war unter anderem auch Aktivist und Pazifist und agitierte öffentlich Zeit seines Lebens gegen das Naziregime und dessen Vorstellungen von Rasse und den Missbrauch der Kategorie Kultur als Rechtfertigung für Gewalt gegenüber anderen Ethnien. So betont Boas gegenüber afroamerikanischen Studenten: “the social, not biological, causes of Black subordination in the United States”(11) Trotz seiner wegweisenden Arbeit muss man sagen, dass Boas als Vertreter eines starken Kulturrelativismus die Besonderheiten der Kulturen verabsolutierte. Er vertrat die Ansicht, dass die Distanz zwischen Kulturen so groß seien, dass man sie nicht überbrücken könne. Dabei ist dies gerade für mich, aus meinem momentanen Standpunkt heraus, essenziell in einer globalisierten Welt. Hier verstehe ich aber schon das Respektieren und das versuchende Verstehen als eine Art der Überbrückung.

Boas wird auch als theorienfeindlich kritisiert, der keine sinnvollen Verallgemeinerungen der Anthropologie zulässt. Es wird bemängelt, dass er keine neuen Theorien aufbaute sondern nur alte kritisierte (12), was ich aber nicht als negativ erachte, da für mich in einer Kritik schon wieder ein neuer Ansatzpunkt klar gemacht wird auf den man wieder aufbauen kann.

Unbestritten ist, dass er auf Grund seiner für damals revolutionären Neuerungen in der amerikanischen Anthropologie auf ewig einen Platz in den Geschichtsbüchern der KSA haben wird und auch mich in Form seiner Person oder einer seiner Nachfolger weiter begleiten wird, da Nordamerika ein Gebiet für mich darstellt, dessen Kulturen mich außerordentlich faszinieren.

Quellen:

Banard, Alan 2000: History and Theory in Anthropology, Cambridge University Press, 5th edition, Cambridge 2004

Eriksen Hylland, Thomas 1995: Small Places, Large Issues – An Introduction to Social and Cultural Anthropology, Pluto Press, 2nd edition, London 2001

Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman, 2005, “One Discipline Four Ways British, German, French and American Anthropology“, The Halle Lectures

Spencer, Jonathan/Banard, Alan 1996: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology, Routledge Taylor & Francis Group, Oxon/New York 2005

www.wikipedia.de

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/ethno_startseite.html

Zitate:

(1) Banard, Alan 2000: History and Theory in Anthropology, Cambridge University Press, Cambridge 2004 (5th Print), Seite 101

(2) vgl. ebda., Seite 101

(3) Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman, 2005, “One Discipline Four Ways British, German, French and American Anthropology“, The
Halle Lectures,
Seite
201

(4) ebda., Seite 262

(5) vgl. ebda., Seite 263

(6) vgl. ebda., Seite 265

(7) ebda., Seite 263

(8) zit. n., http://www.lateinamerika-studien.at/content/kultur/mythen/mythen-983.html, 6.1.2005

(9) vgl., http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/ruth_benedict.html, 7.01.2005

(10) vgl., http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/margaret_mead.html, 7.01.2005

(11) Spencer, Jonathan/Banard, Alan 1996: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology, Routledge Taylor & Francis Group, Oxon/New York 2005, Seite 74

(12) vgl., http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html, 7.01.2005

(13) vgl., Eriksen Hylland, Thomas 1995: Small Places, Large Issues – An Introduction to Social and Cultural Anthropology, Pluto Press, 2nd edition, London 2001, Seite 14

Friday, November 25, 2005

1. Essay/Durkheim

Fragestellung:

Durkheim
Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

Mein Essay beschäftigt sich mit einem wichtigen Namen der französischen Anthropologie: Emilè Durkheim. Meine Aufgabe ist es zu zeigen auf WEN oder WAS seine Werke und Theorien Einfluss nahmen, wie die späteren Forschungseinrichtungen inspiriert wurden, und worin seine Neuerungen im Denken der damaligen anthropologischen Theorienbildung bestehen. Wichtig ist für mich allerdings auch kurz den historischen und familiären Hintergrund zu beleuchten um einen besseren Einblick in die Person des Emilé Durkheim zu bekommen.

„Emilé Durkheim wurde in Lothringen geboren. Er entstammte einer sehr frommen jüdischen Familie. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Rabbiner. Er jedoch war sehr stark dem weltlichen Leben zugetan.“ [1] Doch kann man durchaus auch seine jüdischen Wurzeln in seinen Analysen wieder erkennen. Frankreichs Niederlage im französisch-preußischen Krieg brachte es mit sich, dass es eine Abkehr von weltlichen und republikanischen Vorstellungen hin zu einer katholischen, stark nationalistischen Annäherung gab um die alte Machtposition Frankreichs innerhalb Europas wieder herzustellen. Diesem Prozess stand E. Durkheim nicht wohlwollen gegenüber. Er war somit als Jude und Sozialist mit einer marginalisierten Stellung innerhalb Frankreichs konfrontiert.

Emilé Durkheim ist vielleicht der bedeutendste und einer der größten Anhänger der Ideen des Strukturfunktionalismus und hat diesen zum Teil mitbegründet. „Im klassischen Strukturfunktionalismus von Durkheim und auch Radcliff Brown wurde eine Gesellschaft wie der menschliche Organismus konstruiert. Eine Gesellschaft als ein in sich integrierendes Ganzes voll von funktionellen sozialen Institutionen.“ [4] [vgl. Eriksen: 74] „Soziale Systeme wie Kinship, Religion, Politik und Ökonomie haben alle Zwecks- und Funktionscharakter und bilden eine Gesellschaft.“ [2] [vgl. Banard: 62]

Nach einer Weile des Studierens und Lehrens bekam er eine Anstellung an der Universität in Bordeaux. „Es war die erste Anstellung eines Lehrers für das Fach der Sozialwissenschaften, das es bis dahin in Frankreich nicht gab.“ [2] [vgl. Banard: 63] Emilé Durkheim interessierte sich sehr früh für eine wissenschaftliche Annäherung an DIE (europäische/französische) Gesellschaft was ihm den ersten Konflikt mit dem französischen Universitätssystem brachte, da dieses keine sozialwissenschaftliche Einrichtungen kannte. Er meinte auch, dass man sich nicht mit einer „fremden“ Kultur auseinandersetzen sollte ohne sich dabei eingehend mit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen. „1902 ging er schließlich nach Paris um auf der Sorbonne zu unterrichten wo er bis zu seinem Tode 1917 lebte.“ [1]

Er scharte bald eine Anhängerschaft von Philosophen, Ökonomen, Geschichtsforschern und Juristen um sich mit denen er die Zeitung „Année Sociologique“ gründete. Dies war ein fächerübergreifendes Journal worin er und seine Kollegen die Ergebnisse ihrer Arbeiten veröffentlichten.

Durkheim selbst betrieb nie Feldforschung und gehörte zur letzten Generation der „Armchair Anthropologists“. Dennoch stimmen Anthropologen und Soziologen überein, dass er einige hervorragende Bücher schrieb. „Die heute lebendige empirische Tradition in der Soziologie lässt sich auch auf die frühen Werke Durkheims zurückführen.“ [2] [vgl. Banard: 62] Eines seiner bekanntesten Werke ist das Buch „Suicide“ in dem er aus Archiven Statistiken über die Häufigkeit des Selbstmordes zusammenstellte. Er kam zum Schluss, dass die Selbstmordrate je nach dem variieren konnte ob man Katholik oder Protestant, Stadt- oder Landbewohner, Verheiratet oder Unverheiratet, jung oder alt war usw. Er unterschied verschiedene Arten von Suizid. Selbstmord kann laut Durkheim durch Uneigennützigkeit oder Selbstlosigkeit, Egoismus, Fatalismus oder durch Anomie ausgelöst werden. Obwohl die Tat des Selbstmordes an sich ein individuelle ist, so ist sie nach Durkheim immer ein Ausdruck von sozialer Desintegration.

Durkheims Anomie findet sich auch in seinem Buch „The devison of Labor in Society“ (dt. Die Arbeitsteilung). „Er verwendete das Wort um eine bestimmte Art der Deregulierung innerhalb seiner Gesellschaft zu beschreiben. Laut Durkheim heißt das, dass bestimmte Normen des Umgangs und Verhaltens innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen zu verwässern beginnen. Es beginnt sich eine „Normlosigkeit“ durchzusetzen die zu abweichenden Verhaltensweisen führt. Somit bestimmen Normen nicht mehr welchen Aktivitäten der Mensch in industrialisierten Gesellschaften nach geht und wie er sie betreibt.“ [3] Es ist der Individualismus den Durkheim hier beschreibt, der aber paradox der Arbeitsteilung in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit gegenüber steht.

In seinem Werk stellt er zwei Konzepte gegenüber. Er meint, dass sich Gesellschaften von einer nicht spezialisierten „mechanischen“ zu einer komplexen spezialisierten Form, nämlich der „organischen“ Gesellschaft entwickelt. Durkheim unterscheidet somit zwischen organischer und mechanischer Solidarität. Erstere zeichnet sich dadurch aus, dass die Mechaniker zum Beispiel durch ihre Spezialisierung keine Zeit und nicht die Fähigkeit haben sich Brot zu backen und dadurch vom Bäcker diesbezüglich abhängig sind. Durch diese „starke“ gegenseitige Abhängigkeit entsteht laut Durkheim die organische Solidarität. Hingegen herrscht bei den Subsistenzbauern mechanische Solidarität, die auf die gemeinsame Geschichte aufbaut. Der Zusammenhalt beruht weiters darauf, dass jeder das gleiche hat und jeder jedem im Großen und Ganzen ähnlich ist da alle ein bäuerliches Leben führen. Wenn also eine Gruppe oder mehrer Personen aus der Gesellschaft „ausscheiden“ hat dies für den Fortbestand der Gesellschaft keine Konsequenzen. In solchen Gesellschaften sind Normen und Werte in der Regel stark reguliert. Auch Religion galt für Durkheim als ein Element, welches den Zusammenhalt in nicht industriellen Gesellschaften garantiert. Dennoch möchte ich hier anmerken, dass dies doch eher die Ausnahme als die Regel darstellt, da es ja objektiv betrachtet die Mehrheit aller anderen Gesellschaften ist die eher dieses Element des Zusammenhaltes praktiziert.

Ein zweiter Klassiker den Emilé Durkheim schrieb ist das Buch „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ in dem es um Religion in „frühen“ Gesellschaften geht. „Für Durkheim ist Religion die Verkörperung eines Wertesystems das sich eine Gesellschaft künstlich konstruiert um mit äußeren Umständen jeglicher Art umgehen zu können. Religion bringt Individuen zusammen. Sie fördert somit den Zusammenhalt innerhalb einer Gemeinschaft übt aber gleichzeitig auch Zwang aus in Androhung von Sanktionen und gibt unter anderem Normen vor die sich auch auf moralische Vorstellungen beziehen.“ [5] [vgl. Parkin: 175]

Er sucht nach den Ursachen und Ursprüngen von Religion und meint, dass die Religion das Geistliche/Heilige vom Profanen trennt. Er studierte die verschiedenen Ansätze von Tylor’s Animismus, Müller’s Naturalismus und McLennan’s Totemismus. Durkheim selbst zieht den Totemismus vor und bindet daran einen speziellen Evolutionismus. Somit stünde der Totemismus für die erste der Entwicklungsstufen einer Religion, die schlussendlich zum „voll ausgereiften“ Monotheismus führen. „Totems haben im Allgemeinen die Funktion der Erschließung von Solidarität innerhalb des Klans. Durkheim argumentiert weiter, dass das Totem zum Gegenstand von rituellen Aktivitäten wird. Obwohl Radcliff-Brown mit Durkheim in Ersterem übereinstimmt behauptet er hingegen weiter, dass es zu einer austauschenden Beziehung zwischen dem Ritual, der Symbolik des Totems und der Klansolidarität kommt.“ [2] [vgl. Banard 2004: 75]

„Trotzdem Durkheim diesen speziellen evolutionistischen Ansatz vertritt sind seine Erklärungen vom Funktionalismus geprägt wenn er zum Beispiel vom Glauben und dem Ritual schreibt.“ [2] [vgl. Barnard, 2004: 64] Für Durkheim ist ein Ritual die Selbstaufführung einer Gesellschaft. Er meint, dass es keine Gesellschaft ohne Rituale gibt. Rituale sind regelmäßig wiederkehrende Handlungsabläufe um die bestehende Ordnung zu bestätigen und sie aufrecht zu erhalten. Rituale unterscheiden sich nur in Form und Inhalt vom Alltag.

Emile Durkheim, Arnold van Gennep und Marcel Mauss sein Neffe, mit dem er teils eng zusammengearbeitet hat und das Buch „Primitive Classification“ herausbrachte, waren die Gründer der französischen Sozialanthropologie. Er sowie einige andere Gründerväter der europäischen Anthropologie verstanden sich immer mehr auch als Sozialanthropologen. Emilé Durkheim und die französische Anthropologie seiner zeit haben zum Teil stark die britische Anthropologie beeinflusst. Deren Vertreter Malinowski aber vor allem Radcliff-Brown haben etwas zeitversetzt viele Aspekte seiner Ansätze und Theorien aufgenommen und sie auch weiterentwickelt. Er beeinflusste auch viele nachkommende Generationen. Besonders hervorzuheben wären da Levi-Strauss, Geertz und Leach die auf seine Theorien aufbauten. Auch die anthropologische Forschung der 50er bis in 70er Jahre verfolgte Durkheims Beschreibung von soziopolitischen Organisationsstrukturen indigener Gesellschaften. „Es war E. Durkheim, der die funktionalistische Annäherung an soziale Phänomene etablierte. Er unterschied als einer der Ersten zwischen historischen und funktionellen Erhebungen sowie zwischen sachlicher Konsequenz und individueller Motivation. Um ein soziales Phänomen zu erklären muss man es laut Durkheim sowohl historisch also auch funktionell analysieren.“ [6] Durkheim dachte immer in komplexen Mustern die natürlich auch von seiner funktionalistischen Sichtweise herrührten. Seine Publikationen zählen auch heute noch zu Klassikern der Kultur und Sozialanthropologie und werden nach wie vor als wegweisend für viele oben genannte Nachfolger angesehen und auch StudentInnen im 3. Jahrtausend ans Herz gelegt.

[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Émile_Durkheim, 20.11.2005

[2] Banard Alan, 2004 History and Theory in Anthropology, Cambridge University Press

[3] vgl. 1 Absatz, http://www.hewett.norfolk.sch.uk/curric/soc/crime/anomie.htm, 20.11.2005

[4] Hylland Eriksen, Thomas, 2001 Small Places Large Issues, Pluto Press

[5] Parkin, Robert, 2005 One Discipline four Ways

[6] http://www.hewett.norfolk.sch.uk/curric/soc/durkheim/durkw5.htm, 20.11.2005




Monday, November 07, 2005

Mein erster Post!!

So ich hoff das hat jetzt geklappt.

Сдравстиуй!!